Domäne Histor.ws


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... man könnte aber vielleicht einmal erwähnen, daß die Geschichte nur erfunden ist


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Geschichte/2
Wegstationen im Mittelalter 544-1241

D urch eine persische Belagerung Edessas wird das eingemauerte Grabtuch wiederentdeckt und Reliquie in der ersten Hagia Sophia kappadokischer Urchristen. Seitdem löst das Gesichtsbild auf dem Tuch die bisherige Jesus-Darstellung ab. Muslimische Sarazenen erobern Edessa, respektieren aber die Reliquie als Teil ihrer Religion. Die Basilika von Edessa wird nach einem Erdbeben durch Muslime wieder aufgebaut. Die Art der Schaustellung des Grabtuchs läßt es in der öffentlichen Wahrnehmung als angebliches Gesichtstuch verkümmern. Durch einen Kriegszug kommt das Grabtuch nach Byzanz, wo es in Konstantinopel über Jahrhunderte als Staatsreliquie hohen Gästen gezeigt wird. Als Machtkämpfe Byzanz erschüttern, greifen Kreuzritter ein, aber mehr zu eigenem Nutzen. Der Kaiserpalast wird geplündert und das Grabtuch verschwindet für lange Zeit. Ein Erbe der byzantinischen Kaiser bemüht sich vergeblich beim Papst um Rückgabe der Staatsreliquie. Eine päpstliche Untersuchungskommission findet das Grabtuch wieder in Athen, Hauptstadt der Kreuzritter, unternimmt aber nichts. Der Plünderer verkauft das Tuch an den Templerorden. Ein abgeschnittener Streifen davon soll später als Bestechungsgeschenk für französische Militärhilfe dienen.

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544 / Edessa: Wiederentdeckung, erste Hagia Sophia

Um 525 wird das Grabtuch bei Reparaturen der Stadtmauer Edessas gefunden. Wahrscheinlicher ist, daß dies während einer Belagerung 544 geschah durch den persischen König Chosrau I. Anuschirwan. Bei Befestigungsarbeiten der belagerten Bewohner wird auf dem höchsten Tor ein Hohlraum in der Mauer entdeckt. Darin findet sich das Grabtuch. Die Belagerten verstehen dies als göttliche Unterstützung ihrer Verteidigung. Ihre Begeisterung soll die erschöpften Belagerer entmutigt haben. Chosrau zieht nach einem vernichtenden Feuer in seinem Feldlager mit dem Heer ab. vaseSeitdem Beginn einer Verehrung eines "theoteuktos eikon" (gottgemachtes Bild). (Bericht: Euagrios Scholastikos, ebenso eine Sughita auf Syrisch). Rechts ein altes Gemälde mit der Szene der Wiederentdeckung. Der römische Kaiser Justinian läßt bald darauf in Edessa die Kirche "Hagia Sophia" errichten, in der das Grabtuch zentrale Reliquie wird. Eine Silbervase von Emesa aus dieser Zeit (links) zeigt ein Jesusbild (Archivort Louvre, Bericht I. Wilson). Die Merkmale des Kopfbildes entsprechen denen auf dem Grabtuch: Blickrichtung, lange Gesichtsgeometrie durch fehlenden Wangenabdruck des Tuchs, Haar- und Barttracht, geschlossene Augen.

im 6. Jahrhundert / Portraitwandel

Die Darstellungen von Christus erfahren eine einschneidende Veränderung. Bislang wurde die historische Gestalt, deren Aussehen nicht bekannt war, als symbolischer Typus dargestellt. Dazu wurde unter der Herrschaft Konstantins (4. Jh.) ein Motiv aus den heiligen Schriften verwendet von Christus als dem "guten Hirten". Nach traditioneller Anschauung war eine solche Persönlichkeit zugleich eine Heldenfigur, entsprechend die bildlichen Anleihen bei antiken Götter- und Heldendarstellungen, meist jugendlich-sportliche Gestalten. Um diese Zeit jedoch werden alle Christus-Darstellungen in anderer Weise angelegt. Links im Bild die alte Form des guten Hirten aus dem 4. Jh. (Rom: Lateranmuseum), rechts die neue Form (Mosaik St. Cosmas & Damian, Rom) aus dem 6. Jahrhundert.

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544-638 / Syrischer Hinweis auf Abgar in Edessa

Syrisches Textzeugnis "Lehren des Addai" über das Acheiropoieton aus einer Zeit zwischen 544-638. Demnach wurde König Abgar von Edessa ein "linteum" (Leinen) übergeben, "faciei figuram sed totius corporis figuram cernere potis" Auf dem man nicht nur ein Gesicht sondern den ganzen Körper sehen kann. (Dokument: Vatikanischen Bibliothek, Königl. Bib. Leiden) Bild: König Abgar V. Ukama (der Schwarze) mit dem Tuch (Vergrößerung: anklicken). Abgar schrieb die Heilung seiner Krankheit der Wunderwirkung des Grabtuchs zu. Die syrische Sage berichtet weitere Wunder und von einem gemalten Stoffbild des Hauptes Jesu.

Ab 640 / Edessa und Grabtuch im Islam

Ausbreitung des Islam. Eroberungszüge muslimischer Sarazenen bis nach Edessa. Die Stadt schließt einen Bündnisvertrag mit ihnen und erhält somit Duldung der christlichen Religion als "dhimmi" (Schützlinge). Arabisierung und Islamisierung der Stadt, die aramäische Sprache verschwindet. (Bild: sarazenische Belagerung Edessas). Nach islamischem Theologieverständnis gilt Jesus als ein Prophet Gottes, das ihm zugeschriebene Grabtuch ist religiöser Kultgegenstand. Auch deshalb, weil das jüdische "Shatnez"-Denken in dieser Kultur ohne Bedeutung ist.

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678 / Erdbeben, Sprachgeschichte

Die Kirche Hagia Sophia von Edessa mit dem Grabtuch wird durch ein Erdbeben beschädigt. Der muslimische fünfte Kalif Muawiya (603-680 / Münzbild) lässt laut arabischem Chronisten Baladhuri die christliche Kirche wieder instandsetzen. Seitdem Auftreten eines arabischen Wortes für das Grabtuch "mandil" (Tuch). Übernahme des Lehnworts in die späthellenische Sprache als "mandylion". Von dort weiterer Import in die Mittelmeersprachen - Genua: mandillo, Abruzzen: mandile, Kastilien: mantel.

im 9. Jh. / Verkümmerung als Gesichtsbild

vero1Höhlenkirche von Shatli, Region Göreme, Kappadokien (Türkei): Fresko mit der Abbildung der Hagia Sophia von Edessa mit dem Kopfbild des Grabtuchs. Im Bild eine entsprechende ostkirchliche Ikonenmalerei. Verwahrt wurde das Grabtuch stets gefaltet. Deswegen erhält die Reliquie auch die Gegenstandsbezeichung "tetradyplon" (Dreifachfaltung). Für die Besucher der Kirche ist vom Grabtuch über Jahrhunderte nur die Gesichtspartie zu sehen, geschützt hinter einem Gitter. Besucher sehen darin kein Grabtuch mehr, vero2sondern ein "Schweißtuch der Veronika" entsprechend apokryphen Angaben über eine Frau, die auf dem Kreuzweg mit einem Tuch das schweißbedeckte Gesicht Jesu gewischt habe, auf dem dann der Gesichtsabdruck geblieben sei. Aus dieser Vorstellung entsteht eine eigene Reliquientradition. Ebenfalls in Norditalien gibt es ein Gazetuch entsprechend den Veronica-Geschichten mit einem Jesusgesicht, das jenem auf dem Grabtuch kaum ähnelt, aber von plump gemalter Form ist. In der Grafik links das Schema der früheren Aufbewahrungsart entsprechend den Spuren auf dem Tuch und historischen Angaben. Bis zur byzantinischen Zeit ist das Grabtuch also, wohl mit Rücksicht auf die Anstößigkeit von Begräbnisgegenständen, nur als ein Handtuch mit Gesichtsbild bekannt.

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942 / Besitzwechsel nach Byzanz

Unter der Regentschaft des byzantinischen Kaisers Constantinus VII. (913-959 - Bild: dessen Münzen/Vergrößerung) erobert dessen General Johannes Gurgen ("Kurkuas") eine Nachbarstadt von Edessa von den Sarazenen zurück und belagert Edessa. In Verhandlungen bietet Byzanz den Rückzug an gegen Herausgabe des Grabtuchs. Arabischer Chronist Al Masudi: "ein Tuch auf dem das Gesicht Christi aufgedrückt war". Der Vertrag: byzantinischer Rückzug, Friedensgarantie, Freilassung muslimischer Gefangener und 12.000 Silberdenare gegen die Herausgabe des Grabtuchs. Die muslimischen Edessener versuchen zweimal vergeblich, gefälschte Tuchkopien anstelle des Originals herauszugeben. Die Byzantiner erkennen jeweils die Täuschung, hatten also konkrete Informationen darüber, welche Merkmale das echte Grabtuch haben muß. Die Verhandlungen ziehen sich über längere Zeit.

944 / Übergabe in Konstantinopel

Transport des Grabtuchs nach Konstantinopel, vermutlich über Bithynien, Cäserea, Kappdocien und Laodicea. Öffnung des Reliquenbehälters auf Zwischenstation in einem anatolischen Kloster am Fluß Sangarius durch den kaiserlichen Beauftragten (cubicularius) Teophanus. Es wird festgestellt, daß die Reliquie kein Gesichtstuch ist sondern ein sehr großes Grabtuch mit Vollkörperabbildung und Blutspuren (Dokument: Vatikanische Bibliothek).

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16. August: Einzug des Grabtuchs nach Konstantinopel. Die feierliche Zeremonie der Übergabe an den byzantinischen Kaiserhof wird in einer Buchillustration festgehalten (Bild oben). Ein Titeltext nennt die Reliquie explizit "mandylion" (Grabtuch). Aufbewahrung in der Kapelle S. Maria Blachernae (Bild unten: Ortslage, Mauerreste / Vergrößerung anklicken). Als Experte begutachtet seine Echtheit der Archidiakon und Referendar Gregorios, der zuvor alte syrische Texte über das Grabtuch gelesen hatte. Bericht durch den Hofhistoriker J. Skylitzes (Dokument: Nationalbibliothek Madrid). Aufbewahrung des Grabtuches auch in der Kirche "Theotokos" im Palast des byzantinischen Kaisers Konstantin I., zeitweise in der Hagia Sophia in Faltung, nur mit Kopfteilansicht.

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950 / Frühe Geschichtsstudien

In Konstantinopel erhält der Arzt Smera einen alten syrischen Text über das Acheiropoieton. Der Text ist datierbar zwischen 544-638. Demnach wurde König Abgar von Edessa ein "linteum" (Leinen) übergeben, "faciei figuram sed totius corporis figuram cernere potis" Auf dem man nicht nur ein Gesicht sondern den ganzen Körper sehen kann. (Dokument: Vatikanischen Bibliothek, Königl. Bib. Leiden)

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Um 1150 / Vorführung im Codex Pray

tuch4Vorführung des Grabtuchs in Konstantinopel vor Ludwig VII. von Frankreich, sowie dem Lombarden Ordericus Vitalis, dem Engländer Gervasius von Tilbury, dem Isländer Nicholas Soemundarson aus Thingeyrar, sowie dem ungarischen Diplomaten zwecks höfischer Heiratsverhandlungen. Letztere berichten darüber und über die Vorführung des Grabtuchs im Codex Pray 1192/1195 (Bild rechts/anklicken, Dokument: Bibliothek Budapest). Die Illustration zeigt das Leinentuchmuster und bereits Andeutungen von (Brand)Löchern im Tuch, die in dieser geometrischen Konstellation einer L-Form auch das Turiner Relikt hat (Bild links/anklicken).

1157 / Dänenvorführung

Vorführung des Grabtuchs in Konstantinopel vor dem dänischen Abt Nicolas Bergtorson.

1171 / Präsentation mit Bericht

Vorführung des Grabtuchs in Konstantinopel vor Amalrich I., König des Kreuzritterstaates Jerusalem. Sein Begleiter Erzbischof Wilhelm von Tyrus berichtet von einem "sindonem". Dieser Bericht wurde mehrfach übersetzt: lenzuolo/Laken (ital.), sisne (frz.).

1203 / Putsch und Aufmerksamkeit von Franzosen

In Byzanz hat sich ein Usurpator an die Macht geputscht. Er wird mit Truppenhilfe der orientalischen Kreuzfahrerstaaten vertrieben. Im August wird eine Delegation der Truppen vom siegreichen byzantinischen Kaiser im Palast empfangen, wo wieder das Grabtuch präsentiert wird. Ritter Robert de Clary aus Frankreich berichtet darüber. (Königliche Bibliothek Kopenhagen)

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1204 / Plünderung von Konstantinopel

Der Usurpator kehrt zurück und ermordet die kaiserliche Familie, ehe er die Macht in Konstantinopel nochmals übernimmt. Ab April erobern Truppen des Vierten Kreuzzuges die Stadt. Trotz Verboten und Schauhinrichtungen werden viele Sakralgegenstände geplündert. Nach dem Grabtuch suchen die Eroberer gezielt aber vergeblich (Robert de Clary: "On ne seut on onques, nie Grieu ni Franchois, que chis Sydones devint, quand la ville fu prise")  Auf den Besitz von Raubgut steht die Todesstrafe. Der Blachernenpalast mit dem Grabtuch wird ausgeraubt, mit hoher Wahrscheinlichkeit durch den Franzosen Othon de la Roche. Bild: dessen Wappensignet.

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1205 / Beschwerde beim Papst

Erster August: Ein Verwandter des letzten rechtmäßigen byzantinischen Kaisers, Theodoros Angelos Komnenos, Neffe von Kaiser Isaac II., damals Angehöriger eines Kreuzritterordens, beschwert sich schriftlich bei Papst Innozenz III. über die Plünderungen der Kreuzfahrer. Er fordert die Rückgabe von geraubten Sakralgegenständen, deren Aufbewahrungsort er ungefähr angibt. Nach seiner Kenntnis sei das Grabtuch in Athen.
(Dokument Nationalbibliothek Palermo, Codex Chartularium Culisanense, Fol. CXXVI, zerstört durch US-Bombardierung 1943, in Abschrift erhalten, Abbildung, Vergrößerung durch Anklicken). Theodor erhält einige ehemalige Staatsschätze zurück, das Grabtuch bleibt verschwunden.

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Bis 1206 / Raubgut auf Reise

Othon de la Roche begründet in Athen ein Kreuzfahrerkönigtum. Eine päpstliche Untersuchungskommission wird in den Orient geschickt, um die Umstände der Kreuzfahrerplünderungen zu klären (Benedikt v. St. Susanna/Porto, Nikolaus v. Otranto/Abt Casole, südit.). Die letzte Station der Inspektion ist Athen. Nikolaus berichtet später, in Athen bei Othon das Grabtuch gesehen zu haben. Gerüchten zufolge verkauft der das Grabtuch dann an den Templerorden. Seine weiteren Stationen sind die Festung der Tempelritter St. Johannes auf Akkon, jene auf Zypern sowie Marseilles. Belegt ist, daß Tempelritter ein zentrales Heiligtum verehrten, ein "bärtiges Haupt".

Um 1208 / Neue Spur

Ein französischer Adeliger, Pons de la Roche, zeigt das Grabtuch Amadeus de Tramelay, Erzbischof von Besançon. Der Besitzer gibt an, es aus Konstantinopel erhalten zu haben von seinem Sohn, Othon de la Roche.

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1241 / Stoffstreifen

Balduin II., Kreuzritterkaiser von Konstantinopel, macht dem franz. König Geschenke, um von ihm militärische Unterstützung zu erhalten. Laut Pariser Inventar von 1534 (Gerard v. St. Quentin de l´Isle) ist darunter ein 30 cm langer Stoffstreifen vom Grabtuch. So nochmals erwähnt im königlichen Inventar von 1740. Zuletzt aufbewahrt in der Sainte Chapelle, Paris. Während der Franz. Revolution 1789 zerstört. Bild: alter Stich des Altars in der Sainte Chapelle, wo die Reliquie hinter einem Holzgitter verwahrt wurde.

backGeschichte/1 ® 11.12.2012 - 00:33 [0.94] Geschichte/3next
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